Der Schwerpunkt leicht gemacht!
Geschrieben von Klaus am 7. Juli 2010 | Abgelegt unter Grundwissen, Test & Tipps
Seid gegrüßt, meine lieben Freunde!
Neulich habe ich euch – auch mit Video – erklärt, wie wir den ach so wichtigen Schwerpunkt unseres Flugmodells erst einmal grob bestimmen. Der Schwerpunkt kann in einem recht weiten Bereich liegen, ohne dass es gefährlich wird für unser Flugmodell, einzig zu weit hinten darf er nicht sein. Die besten Flugeigenschaften und Leistung hat unser schönes Flugmodell aber nur, wenn er an genau der richtigen Stelle liegt!

Ein Kunstflugmodell soll ganz neutral und gerade fliegen, es soll in der Position verharren, in der es sich gerade befindet, ohne dass es ein Eigenleben entwickelt. Und ein solches störendes Eigenleben hat es leider, wenn der Schwerpunkt zu weit vorne oder zu weit hinten sich befindet.
Ein Segelflugzeug dagegen soll möglichst lange und weit fliegen. Ist der Schwerpunkt zu weit vorne, dann verschenken wir Leistung und Flugzeit. Ist er zu weit hinten, kann unser Modell gar unsteuerbar werden.
Den richtigen Schwerpunkt durch Flugversuche finden
Hier geht es wirklich um wenige Millimeter, den rechten Punkt können wir nur durch Flugversuche ermitteln. Das braucht redlich Zeit, aber es lohnt sich, weil wir mit einem ausgezeichneten Modell belohnt werden.
Genug der Vorrede, wie geht das nun? Das ist für Kunstflugmaschinen und Segler etwas unterschiedlich, fangen wir mit einem Kunstflugmodell an.
Schwerpunkt beim Kunstflugmodell
Nehmen wir also an, unser Kunstflugmodell hat schon die ersten Flüge hinter sich, mit dem grob eingestellten Schwerpunkt. Es fliegt schon ganz fein, der Schwerpunkt ist also im “grünen Bereich”. Mit der Höhenrudertrimmung haben wir eine horizontale Flugbahn bei Vollgas justiert. Wenn wir mit allem, was der Motor hergibt, fliegen, dann steigt unser Modell weder, noch sinkt es, es hält einfach die Höhe und fliegt schnurstracks geradeaus.
Nun fliegen wir recht hoch, gerade so, dass wir unser liebes Modell noch fein erkennen können. Wir drosseln den Motor auf Leerlauf und stürzen mit unserem Modell senkrecht nach unten! Wirklich senkrecht, nicht feige sein! Nun lassen wir die Hände vom Knüppel und beobachten unsere Maschine: fängt sie sich von selbst ab und will in den Normalflug zurückkehren? Dann ist der Schwerpunkt noch etwas zu weit vorne. Taucht es dagegen allmählich weiter in Richtung Rückenflug weg, ja dann ist der Schwerpunkt etwas zu weit hinten.
Würde das schöne Modell aber ohne unser Zutun senkrecht in den Erdboden einschlagen, dann haben wir Glück und der Schwerpunkt liegt an genau der richtigen Stelle. Da wir kaum dieses Glück haben werden, beenden wir sanft den Sturzflug, landen und verlagern den Schwerpunkt ganz leicht. Zum Beispiel, indem wir den Empfängerakku etwas anders platzieren oder wenige Gramm Blei am Leitwerk oder der Flugzeugnase befestigen
Danach geht es auf zum nächsten Testflug in schwindelnde Höhen und das Spiel beginnt von vorne. Solange, bis wir ein wirklich senkrecht fallendes Modell haben! Oft müssen wir das wiederholen, um weitere Einflüsse wie Wind oder Schräglage des Modells ausschließen zu können.
Um ehrlich zu sein: Diese Schwerpunktbestimmung beim Kunstflugmodell werden wir öfters wiederholen müssen, wenn wir ein wirklich um alle Achsen neutral fliegendes Modell haben wollen. Denn es gibt außer dem Schwerpunkt noch andere Einstellungen (Einstellwinkeldifferenz, V-Form, Motorsturz, Motorzug), die für exaktes Flugverhalten sorgen. Doch dummerweise beeinflussen sich diese immer ganz leicht gegenseitig, so dass das Spiel etwas länger dauert. Wenn ich zum Beispiel den Motorsturz geändert habe, dann muss ich manchmal auch ein wenig den Schwerpunkt ändern. Aber über das exakte Eintrimmen einer feinen Kunstflugmaschine erzähle ich euch später…
Schwerpunkt beim RC Segelflugzeug
Nun aber zu unserem ruhigen Gesellen, dem Segelflugzeug. Wir haben es auch schon mit dem grob eingestellten Schwerpunkt das eine oder andere Male durch die Lüfte bewegt, alles funktioniert soweit ganz gut. Die Höhenrudertrimmung ist so von uns justiert, dass das Modell einen nicht zu schnellen und nicht zu langsamen Gleitflug hinlegt. Wenn dem so ist, dann gehen wir auf eine ordentliche Flughöhe, gleich ob mit Motor oder per Hochstart. Wir lassen unser Segelflugmodell ein paar Sekunden geradeaus fliegen, dann zwingen wir es in einen Stechflug ca. 45° abwärts und lassen schnell alle Steuerknüppel los.
Was macht unser Modell nun? Fängt es sich ganz langsam und sanft ab, um nach einigen Sekunden wieder geradeaus im Gleitflug zu fliegen? Dann liegt der Schwerpunkt perfekt an der richtigen Stelle, besser geht es nicht! Glückwunsch!
Wenn das Flugzeug sich dagegen sofort aufbäumt und blitzschnell wieder dem Himmel entgegen strebt, um dann das “Pumpen” (eine Auf-und-Ab-Bewegung, eine wellenförmige Flugbahn) anzufangen, dann ist der Schwerpunkt zu weit VORNE! Wird das Modell dagegen immer schneller und neigt sich immer steiler dem Erdboden entgegen, dann ist der Schwerpunkt zu weit HINTEN. Also landen wir geschwind und verlagern den Schwerpunkt um wenige Millimeter nur.
Euch mag vielleicht erscheinen, dass diese Erklärung dem widerspricht, was ich euch neulich über den Schwerpunkt erzählt habe. Da hieß es doch, wenn das Modell sich aufbäumt ist der Schwerpunkt zu weit hinten und umgekehrt. Aber liebe Kollegen, das ist schon richtig so, denn zuletzt sprach ich von der “statischen” Stabilität, was wir heute betrachten ist dagegen die “dynamische” Stabilität. Ohne die statische Stabilität würde das Flugzeug gar nicht fliegen, die dynamische welche sorgt nur für gute Leistung und gute Flugeigenschaften. Denn ein leicht kopflastiges Segelflugzeug fliegt zwar ganz ordentlich, aber es wird weniger Flugzeit erringen als ein perfekt getrimmtes Modell und weniger gut auf die Ruder wirken.
Die Faustregel für den Schwerpunkt
Als Faustregel mag euch folgendes dienen: Eine Schwerpuntklage nach vorne macht unser Flugzeug eigenstabiler und sicherer, kostet aber Leistung. Eine hintere Schwerpuntklage dagegen macht unser Flugmodell leistungsfähiger und agiler, verringert aber die Eigenstabilität, also das Vermögen, von selbst ohne Eingreifen des Piloten eine stabile Fluglage einzunehmen. Es gilt schlicht, den goldenen Mittelweg zu finden.
Ganz ausgefuchste Piloten legen den Schwerpunkt sogar manchmal ganz an die hintere Grenze des gerade noch Fliegbaren, um das Maximum an Leistung aus dem Modell heraus zu kitzeln. Das bedarf aber guter Nerven, denn ein solcherart getrimmtes Modell will immerzu gesteuert werden, es hat wenig eigene Stabilität inne. Das machen wir also – zunächst – nicht!
Mein Tipp: Probiert es aus und ihr werdet sehen, wie viel mehr an Flugzeit in eurem Segelflugzeug steckt und wie viel exakter ihr euer Kunstflugmodell plötzlich steuern könnt!
10 Kommentare »

am 31. Oktober 2011 um 16:53 1.Alex schrieb …
Hallo
Klaus
Wie verändere ich den den Schwerpunkt bei einem Schaumstoff Segler ? Mit Gewichten ?
vg
aus Salzburg
Alex
am 2. November 2011 um 18:16 2.Klaus schrieb …
Lieber Alex,
genau, den Schwerpunkt bei einem Segler verändert man entweder durch kleine Zusatzgewichte oder aber durch Verschieben des Empfängerakkus, was aber nicht immer möglich ist.
Sehr einfach zu handhaben sind selbstklebende Bleigewichte aus dem Autozubehör, welche zum Auswuchten von Alu-Felgen benutzt werden. Frag einfach mal in einer Autowerkstatt, ob sie dir nicht ein paar geben könnten. Meist sind die Leute dort so freundlich, dass du wenig dafür bezahlen musst, wenn überhaupt etwas.
Viele Grüße
Klaus
am 10. Januar 2012 um 20:35 3.andre schrieb …
Hallo Klaus,
liegt der schwerpunkt am anfang immer bei 25 bis 30 % der flügeltiefe?
macht es ein unterschied ob der motor 100 gramm mehr wiegt, verschiebe ich die tragfläche oder den akku.
http://www.jk-modellflug.de.tl/symetrisches-Profil.htm
mfg
andre
am 12. Januar 2012 um 16:30 4.Scheuerer Lorenz schrieb …
Hallo Klaus !
Ich habe mir selbst einen ferngesteuerten ,,Flieger” gebaut. Er sieht aus, wie der Vogel Adler. Nun meine Frage : Wie kann ich den idealen Schwerpunkt herausfinden ? Gibt es dafür irgend eine Faustregel ?
Denn ich möchte nicht schon nach dem Jungfernflug eine Bruchlandung machen. Es steckte doch viel zu viel Arbeit drin.
Der Adler hat eine Spannweite von ca 3,60 m.
am 20. Februar 2012 um 18:18 5.tobias schrieb …
Stimmt es das die Grobeinstellung des Schwerpuktes bei 1/3 der Tragfläche liegt (von vorne gesehen).
Habe ein Kunstflieger und bei Start mit Volllast drückt sich die Nase für einen kurzen Moment ein wenig nach unten bevor er in die Lüfte schiest.
Denke das der Schwerpunkt ein wenig zu weit vorn sitzt. Wie siehst du das?
Danke
am 7. März 2012 um 13:58 6.Klaus schrieb …
Hallo Andre,
oh nein, das kann man so nicht sagen! Bein “normalen” Flugmodellen passt das schon in etwa, aber wenn dein Flugzeug zum Beispiel gepfeilte Flügel hat (sie zeigen nach vorne oder nach hinten), dann ändert sich die richtige Schwerpunktlage schon ganz gewaltig.
100 Gramm mehr Gewicht sind schon eine ganze Menge. Das wäre selbst bei einem größeren Modell schon ein gewichtige Unterschied. Verschiebe bitte den Akku, niemals den Flügel, denn auch der Abstand Flügel zu Leitwerk ist entscheidend für die Flugeigenschaften.
Um welches Modell handelt es sich denn? Hast du keine Angabe zum Schwerpunt?
Liebe Grüße vom
Klaus
am 7. März 2012 um 14:01 7.Klaus schrieb …
Hallo Lorenz,
einen Adler hast du gebaut? Das finde ich ja toll! Und dann noch mit 3,60m Spannweite, das ist ja ganz was besonderes, Respekt!
Um dir weiterhelfen zu können, müsste ich aber etwas mehr wissen:
- Grundriss mit Abmessungen des Modells
- Hat es ein Leitwerk oder ist es ein Nurflügel?
- hat es ein Seitenleitwerk?
Schau doch mal im Internet nach den Programmen RANIS und NURFLUEGEL. Mit denen kannst du die die richtige Schwerpunktlage berechnen, es braucht aber ein gerüttelt Maß an aerodynamischen Verständnis dafür, ganz einfach ist es nicht.
Viele Grüße
Klaus
am 15. März 2012 um 20:55 8.andre schrieb …
danke für deine antwort,
habe mir jetzt w_längs drauf gezogen aber ich verstehe immer noch nicht neutral punkt und schwerpunkt 10 % oder 20 % , was ist der np wenn ich den flieger aufhänge ?, wiki komm ich auch nicht weiter, denke bei 900 gramm (war für 500g ausgelegt das modell fokker 120, jk modellflug) habe ich zu wenig schnell/hoch geworfen, habe nun alles so gemacht wie die profis es beschrieben haben, mit ewd. thx
am 24. April 2012 um 23:20 9.Jac schrieb …
Hallo Klaus,
Du sagst:
aber wenn dein Flugzeug zum Beispiel gepfeilte Flügel hat (sie zeigen nach vorne oder nach hinten), dann ändert sich die richtige Schwerpunktlage schon ganz gewaltig.
weist du wie den schwerpunkt berechnung ist für gepfeilte Flügel ?, oder wo eine beschreibung zu finden ist?,
danke
Jac
am 26. April 2012 um 09:57 10.Klaus schrieb …
Lieber Jac,
ja, das stimmt, da gebe ich dir Recht: bei einer Pfeilung wandert der Neutralpunkt und damit auch die korrekte Schwerpunktlage, keine Frage! Bei meinen Ausführungen auf der Seite http://www.rc-modellbau.de/der-schwerpunkt-leicht-gemacht.html bin ich davon ausgegangen, dass der Schwerpukt an der vom Hersteller bzw. Bauplan angegebenen Stelle liegt. Hier geht es nur um die Feinabstimmung des Schwerpunktes, um wenige Millimeter halt.
Nun zu deiner Frage: wie kann ich den Schwerpunkt oder besser wie kann ich die richtige Position des Schwerpunktes berechnen? Das beste Werkzeug, das mir bekannt ist, nennt sich „WINLAENGS“ und ist von wirklichen Experten geschrieben worden. Es ist sehr leicht zu bedienen, selbst ich komme damit ganz prima zurecht – und das will etwas heißen! Du findest es auf der Seite:
http://home.germany.net/100-173822/schwerp.htm
Lies die bitte die Anleitung genau durch! Dann erfährst du eine Menge über den „schweren Punkt“ und seine richtige Lage. Selbst außergewöhnliche Flugkörper lassen sich damit zuverlässig berechnen.
Viele liebe Grüße
Klaus